Diese Firma löscht die Wahrheit
Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Kinderpornografie, Korruption: Eliminalia soll investigative Recherchen und Artikel aus dem Internet entfernt haben, um Unternehmen, Politiker oder Privatpersonen von ihrer kriminellen Vergangenheit reinzuwaschen.
Wer kontrolliert, was im Internet steht – und was nicht?
Manche sagen, das Internet vergesse nie. Sie kennen Eliminalia nicht. «Wir schaffen es, Ihre Vergangenheit vollständig auszulöschen, denn Sie haben das Recht, vergessen zu werden», verspricht die Firma auf ihrer Website.
Tatsächlich aber scheint es der Firma nicht um das Recht auf Vergessen zu gehen. «Diese Firma löscht die investigative Arbeit von Journalisten, sie löscht die Wahrheit. Diese Firma ist ein digitaler Auftragskiller», sagte der Walliser Datenspezialist Sébastien Fanti gegenüber dem Schweizer Fernsehen RTS.
Zu Eliminalias Kunden sollen Geschäftsleute gehören, die mit der Mafia zusammengearbeitet haben, bekannte Persönlichkeiten, die mit Kinderpornografie in Zusammenhang gebracht wurden, Politiker unter Korruptionsverdacht oder Spionagefirmen. Laut RTS haben mehr als 40 Kunden aus der Schweiz die Dienste von Eliminalia in Anspruch genommen. Darunter soll auch eine Genfer Privatbank sein, gegen die die Finma ermittelt hat, weil sie ihre Pflichten in der Geldwäschereibekämpfung verletzt habe.
Im Namen der Toten
Davon erzählt das Konsortium Forbidden Stories: 100 Journalistinnen und Journalisten aus 21 Ländern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Arbeit von ermordeten, inhaftierten oder bedrohten Kolleginnen und Kollegen weiterzuführen. Entstanden ist Forbidden Stories nach der Ermordung der indischen Journalistin Gauri Lankesh.
Unter dem Namen «Storykillers» widmet sich ein Projekt des Konsortiums dem Informationsfluss im Internet. Wie können investigative Recherchen, die Missstände aufgedeckt haben, einfach aus dem Netz verschwinden? Warum tauchen an ihrer Stelle positive oder jedenfalls nichtssagende Artikel über die genannten Personen oder Firmen auf?
Laut Forbidden Stories wurden zwischen 2015 und 2021 die Recherchen von Hunderten von Journalistinnen und Bloggern weltweit von Eliminalia gelöscht oder manipuliert. Das lassen rund 50 000 interne Unternehmensdokumente von Eliminalia und diversen Subunternehmen erahnen, die dem Recherche-Konsortium zugespielt worden sind.
Aus den Unterlagen geht auch hervor, dass etwa ein wegen Steuerhinterziehung in Verruf geratenes französisches Unternehmen seinen Namen für 155 000 Euro reinwaschen liess. Ein Privatkunde, ein israelisch-argentinischer Banker, der für das Regime von Hugo Chávez Geld gewaschen haben soll, tat für 400 000 Euro das Gleiche mit seinem eigenen Namen.
Die weiße Weste im WWW
Die Firma Eliminalia und ihre Subunternehmen gehen in zwei Schritten vor. Erst werden unliebsame Informationen aus dem Internet entfernt, dann werden die Lücken mit positiver Berichterstattung gefüllt. Die Unterlagen von Forbidden Stories zeigen laut beteiligten Medien wie dem «Standard», die «Tamedia-Zeitungen», der «Zeit», dem «Spiegel» oder der «Washington Post», dass Eliminalia dafür gezielt Datenschutzgesetze ausnutzt.
Besonders leicht gehe das bei der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) und bei der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der EU: Auf gefälschten Blogs oder Webseiten wird der Beitrag, den Eliminalia entfernen will, neu publiziert, allerdings unter einem anderen Autorennamen und mit einem früheren Publikationsdatum. Nun kann das tatsächliche Original als Plagiat angeprangert und unter Berufung auf die DMCA dessen sofortige Löschung verlangt werden. Mehrere investigative Journalistinnen und Journalisten erzählen gegenüber Forbidden Stories, wie ihnen genau das widerfahren ist.
Eliminalia nutzt auch die «Deindexierung»: Dafür wird der Google-Algorithmus so getäuscht, dass Inhalte zu bestimmten Begriffen bei einer Google-Suche nicht mehr oder zumindest nicht mehr auf den ersten Seiten der Suchergebnisse angezeigt werden.
Die Geschichte neu schreiben
Um den Google-Index zu füllen, werden neue, positive Inhalte veröffentlicht. Dafür sollen laut Forbidden Stories Tausende Bots so programmiert worden sein, dass sie gefälschte Zeitungswebseiten und Blogs erstellen und genügend Klicks darauf generieren, um sie für den Algorithmus glaubwürdig erscheinen zu lassen. Das Konsortium schreibt von Webseiten, die ähnlich klingen wie die Originale: «CNN News Today» oder «Taiwan Times». Konnte man Artikel nicht verschwinden lassen, wurden sie unter einer Lawine neuer Beiträge begraben.
Gegründet wurde Eliminalia, dessen Hauptsitz bis vor kurzem in Barcelona war, von Diego Sánchez. Seit 2013 soll Sánchez sein globales Netzwerk stetig ausgebaut haben. Als Reporter allerdings das Büro in Barcelona besuchten, fanden sie dort eine anscheinend neue Firma namens Idata Protection vor. Ja, so heiße die Firma, erklärte eine Mitarbeiterin den Journalisten. Aber in Wirklichkeit «gehören wir zu Eliminalia».
Das Recherche-Projekt «Storykillers» hat aus den erhaltenen Eliminalia-Unterlagen zahlreiche verwischte Geschichten wiederhergestellt. Dabei fehlt allerdings die Antwort auf die Frage: Wer hat tatsächlich ein «Recht auf Vergessen» – und wo hört es auf?
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Der Empfang ist freundlich: «Bitte, bitte, kommen Sie», sagt der Mann im blauen Hemd. Er stellt sich als «Jorge» vor – ein Deckname. Denn was er und sein Team anbieten, ist verstörend. Die Rede ist von «Unterdrückung der Wahlbeteiligung», der «Störung» von Wahlen oder «Beschuldigungen» von politischen Gegnern. Lächelnd erzählen die Männer, wie sie in demokratische Prozesse eingreifen oder wichtige Entscheidungsträger weltweit hacken können.
Was sie nicht wissen: Während der Verkaufsgespräche in ihren Büros in Israel werden sie heimlich gefilmt. Journalisten, die sich als interessierte Kunden ausgaben, ist es gelungen, über sechs Stunden Videomaterial von «Team Jorge» aufzuzeichnen.
Die brisanten Aufnahmen sorgen nun weltweit für Schlagzeilen. Publiziert wurden sie im Rahmen von internationalen Recherchen durch Reporterinnen und Reportern aus über 20 Ländern.
Dem Recherchedesk von Tamedia liegen sämtliche verdeckten Aufnahmen vor. Daraus entstand eine Videoreportage, die nicht nur die hochproblematischen Angebote von Team Jorge aufzeigt. Sondern auch, wie die Mitglieder konkret vorgehen, um sich Zugang zu einem fremden Konto zu verschaffen. Und wie viel Geld sie dafür verlangen.
Zudem ordnet ein renommierter Experte den Fall ein. «Das ist eine große Gefahr für unsere Demokratie», sagt er und warnt. Gerade die Schweiz sei ein attraktives Ziel für Hacker.
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